Haben wir einen freien Willen, John-Dylan Haynes?
Der Neurowissenschaftler kann Entscheidungen Sekunden im Voraus vorhersagen. Warum John-Dylan Haynes trotzdem an den freien Willen glaubt.
Im Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, auf die eine klare Antwort schwer zu finden ist. Er befragt die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können – und versucht, eine klare Antwort zu bekommen.
Kaffee oder Tee? Kündigen oder bleiben? Zug oder Flugzeug? Unser Alltag wäre kaum auszuhalten ohne die Vorstellung, dass wir der Urheber unseres Handelns sind. Dass man auch anders hätte entscheiden können. Aber ist das wirklich so? Sind wirklich wir die, die die Entscheidungen treffen? Oder zieht jemand oder etwas in unserem Hirn in Wahrheit die Strippen, ohne dass wir es bemerken?
Die Frage nach dem freien Willen hat schon antike Philosophen beschäftigt. Aber so richtig Fahrt aufgenommen hat sie erst nach den berühmten Experimenten des US-amerikanischen Neurowissenschaftlers Benjamin Libet Anfang der 1980er-Jahre. Libet zeigte: Bereits Sekunden vor einer bewussten Entscheidung treten Signale im Gehirn auf, die der bewussten Entscheidung vorausgehen. Diese Erkenntnis versetzte Hirnforscher in Aufruhr. Sie begannen sich zu fragen, ob der freie Wille womöglich nur eine Illusion sei.
In der aktuellen Ausgabe von »Nur eine Frage« wollen wir daher von John-Dylan Haynes wissen: Haben wir einen freien Willen?
John-Dylan Haynes ist Psychologe, Neurowissenschaftler und Professor an der Charité in Berlin. Mit seinen Experimenten im Kernspintomografen hat er weltweit für Aufsehen gesorgt: Er konnte zeigen, dass Entscheidungen im Gehirn vorbereitet werden, bevor wir sie bewusst treffen – mitunter bis zu zehn Sekunden vorher. Seine Studie »Unconscious Determinants of Free Decisions in the Human Brain«, veröffentlicht in Nature Neuroscience, hat die Debatte über den freien Willen weiter angeheizt und auf eine neue Stufe gehoben.
Im Gespräch sagt Haynes, dass sehr unterschiedliche Auffassungen darüber existieren, was freier Wille eigentlich meint. Einigt man sich auf die Frage, ob man eigene Entscheidungen treffen kann, müsse man sich klarmachen: Nichts geht ohne das Gehirn. Haynes: »Im Gehirn wirken die biologischen Prozesse nach den Naturgesetzen, und wir können uns mit unseren Entscheidungen nicht darüber hinwegsetzen.«
Doch ist es nicht erschütternd, dass Entscheidungen erst in unser Bewusstsein dringen, wenn sie in Wahrheit schon mindestens zehn Sekunden im Voraus angebahnt werden? Haynes findet: nicht wirklich. »Hirnvorgänge laufen ab wie eine Kaskade von Dominosteinen – irgendwo zwischendrin entscheide ich mich, und davor ist im Kausalgeschehen des Gehirns etwas passiert.«
Haynes hat im Laufe seiner Forschung die berühmten Libet-Experimente, auf denen die Diskussion um den freien Willen basierte, im Kern entkräftet. Denn er konnte zeigen: Selbst wenn man mithilfe von Hirnmessungen Entscheidungen Sekunden im Voraus mit immerhin 70-prozentiger Genauigkeit voraussagen kann, bedeutet das nicht, dass alles bereits festgelegt ist: Menschen können Entscheidungen – auch das zeigen Haynes’ Experimente – abbrechen und sich umentscheiden. Daher sieht Haynes die Sache differenzierter als viele seiner Kollegen – und besteht darauf, dass Vorhersage nicht dasselbe ist wie Vorherbestimmung.
Moderation: Jochen WegnerRedaktion: Jens LubbadehVisuelle Produktion: Michael PfisterSchnitt & Ton: ifbbwVisual Director: Malin SchulzPhoto Director: Tina AhrensDesign: Adele Ogiermann, Jan LichteAnimation: Axel RudolphMusik: Konrad PeschmannLogo: Lea Dohle
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